Eigentlich wollte sie nie Journalistin werden. Heute, 30 Jahre später, kann sich Dominique Hensel keinen anderen Beruf mehr vorstellen. Als Chefredakteurin des Brunnenmagazins verantwortet sie ein Kiezmagazin, das von einer großen ehrenamtlichen Bürgerredaktion getragen wird – mitten in Wedding und Gesundbrunnen, wo sie selbst lebt. Im Gespräch mit ZWISCHENWELTEN erzählt sie, wie ein Wortwechsel auf einem Stadtfest ihren Lebensweg bestimmte, warum sie Unabhängigkeit kompromisslos verteidigt und weshalb im Journalismus vor allem eines fehlt: positive Geschichten aus der Nachbarschaft.
Interview: Süleyman Bağ
Erinnerst du dich an den Moment, in dem du wusstest: Ich will Journalistin werden?
Ich erinnere mich vor allem an den Moment, in dem ich beschloss, auf keinen Fall Journalistin zu werden. Ich war auf einem Gymnasium in Brandenburg, wahrscheinlich in der 12. Klasse, und wir hatten am Projekt „Zeitung in der Schule“ teilgenommen. Zum Abschlussgespräch saß eine Journalistin vom Tagesspiegel vor der Klasse und erzählte von ihrem Beruf. Ich fand sie fürchterlich – überheblich und eingebildet. Ich dachte: So wird man also, wenn man Journalistin ist. Und: So will ich niemals werden.
Warum bist du es dann trotzdem geworden?
Das war mehr Zufall als Absicht. Ich hatte mich in einem Jugendklub in meiner Heimatstadt engagiert und dort Veranstaltungen organisiert. Der Lokalzeitung schickte ich die Ankündigungen für die Serviceseite – gedruckt wurden sie nie. Das ärgerte mich. Bei einem Stadtfest sagte jemand zu mir: „Du ärgerst dich über die Zeitung? Da drüben sitzt der Redaktionsleiter. Sag es ihm, nicht mir.“ Das tat ich. Der Mann saß gerade mit dem Bürgermeister beim Bier, und ich schleuderte ihm meine Kritik ins Gesicht – freundlich, aber direkt. Ich glaube, er fand mich amüsant und mutig; um seine Lippen lag ein kaum merkliches Grinsen. Er sagte: „Komm am Montag mal in die Lokalredaktion.“
Das habe ich getan. Aus diesem Besuch ging ich mit einem Praktikum heraus – und mit einer Aufgabe: vertretungsweise die Jugendredaktion zu leiten. Dass ich bis dahin nicht einmal wusste, wie ein Computer funktioniert, hat mich nicht erschreckt. Auch später schreckte es mich nicht ab, dass ich noch nie bei einem Termin gewesen war und direkt im Anschluss einen kleinen Bericht schreiben sollte, ohne dass mir jemand erklärt hatte, wie das überhaupt geht. Ich bin ohne zu zögern ins kalte Wasser gesprungen. Und ich bin geschwommen.
Nach dem Praktikum kam das Volontariat, danach eine befristete Stelle, dann der Redakteursvertrag. Ich würde sagen, ich bin in den Journalismus hineingestolpert. Inzwischen mache ich das seit 30 Jahren. Ich glaube, der Lokalchef und ich haben damals gleichzeitig gemerkt, dass ich für diesen Job einfach geeignet bin: der richtige Typ Mensch mit den richtigen Eigenschaften.
Wie bist du vom ersten Schritt bis zur Chefredaktion des Brunnenmagazins gekommen? Gab es Umwege, Brüche oder Menschen, die dich entscheidend geprägt haben?
Geprägt haben mich viele ältere Kolleginnen und Kollegen. Weil ich anfangs keine Ausbildung hatte und als Freie arbeitete, habe ich mir Vorbilder gesucht. Einer nach dem anderen habe ich am Rockzipfel gehangen und mir abgeschaut, was ich für sinnvoll hielt. Eine Kollegin hat mir gezeigt, wie man Recherche und Schreibtisch ordentlich und nachvollziehbar organisiert. Eine andere hat mir beigebracht, Gesprächspartnern gut zuzuhören, zugewandt und interessiert zu sein – und Informationen nicht abzurufen wie an einer Selbstbedienungskasse. Ein Kollege riet mir, „die große Brille aufzusetzen“: Auch im Lokaljournalismus solle man die großen Zusammenhänge im Blick behalten. Von jedem in der Lokalredaktion habe ich etwas gelernt.
Umwege gab es eigentlich nicht, eher Parallelwege. Ich war nie nur Journalistin, sondern auch Schulgründerin und Vereinsvorsitzende. Ehrenamtliches Engagement gehört für mich zum Leben dazu. Als mein Chef mir einmal sagte, ich müsse mich zwischen der Schulgründung und dem Redakteursvertrag entscheiden, dachte ich zum ersten Mal: Dann eben nicht. Später ist es tatsächlich so gekommen – ich habe die Festanstellung aufgegeben, wenn auch aus einem anderen Grund. Das Schreiben aber habe ich nie an den Nagel gehängt.
Das Brunnenmagazin war eines meiner Schreibprojekte, als ich nach Berlin kam, aber nicht das einzige. Ich hatte noch einen weiteren Weddingblog, „Planet Wedding“, und habe den Stadtteilblog Weddingweiser mit aufgebaut. Das Besondere am Brunnenmagazin waren für mich immer zwei Dinge: die Arbeit mit einer großen ehrenamtlichen Bürgerredaktion und die Auseinandersetzung mit meiner unmittelbaren Umgebung. Ich wohne ja selbst im Stadtteil. Man könnte also sagen: Ich bin immer Lokaljournalistin gewesen – und das will ich auch bleiben.
Wo findest du deine Geschichten?
Ich beobachte meine Umgebung genau. Ich lese Mitteilungen des Bezirks, unzählige E-Mails und Social-Media-Beiträge zu Entwicklungen im Stadtteil, und ich lese Zeitung. Vor allem bin ich viel in Wedding und Gesundbrunnen unterwegs und habe mir über die Jahre ein großes Netzwerk aufgebaut. Ich schaue, was passiert, und überlege, worüber ich schreiben möchte. Dabei bleibe ich Journalistin: Aktuelles geht vor. Geschichtsbeiträge und allgemeine Texte über den Stadtteil überlasse ich lieber anderen in der Redaktion. Bei der Themenauswahl folge ich meiner Intuition und frage mich oft: Was interessiert mich selbst – und was interessiert meine Nachbarn?
Was hat sich an deinem Blick auf Journalismus verändert, seit du nicht nur selbst schreibst, sondern ein Magazin verantwortest?
Ich schreibe ja selbst, fast jeden Tag! Und ich folge dabei noch immer den Regeln, die ich in der Lokalredaktion und im Volontariat gelernt habe. Anders ist vor allem: Ich schreibe heute meistens online und nicht mehr für gedruckte Publikationen.
Laienautoren und Anfänger betreue ich eigentlich seit meinem allerersten Tag in einer Redaktion. Auch daran hat sich wenig geändert. Ich weiß: Die Arbeit mit Laien braucht Nachsicht, Freundlichkeit, Zugewandtheit und ehrliches Interesse an der Person – die Arbeit mit Ehrenamtlichen ganz besonders. Ich sehe mich eher als Moderatorin und Unterstützerin. Das kostet viel Zeit, und diese Zeit nehme ich mir gern.
Welche Werte sind für dich bei der Arbeit nicht verhandelbar – und gab es eine Situation, in der du sie verteidigen musstest?
Journalistische Standards wie Unabhängigkeit vertrete ich ziemlich vehement. Wenn ich merke, dass jemand meine Publikation instrumentalisieren will, werde ich streng. Ich hatte schon Parteimitglieder, die den Online-Blog, den ich verantwortet habe, als eine Art Wahlkampfmedium missbrauchen wollten. Und immer wieder gibt es Gesprächspartner, die Texte vorab freigeben lassen möchten. Das lehne ich meistens ab. Der Satz „Die Presse ist frei“ steht nicht ohne Grund in unserem Grundgesetz, und ich finde, das muss verteidigt werden. Für das Marketing der Organisationen, über die ich schreibe, bin ich wenig empfänglich. Ich entscheide, ich wähle aus. Und: Ich stelle niemanden bloß – aber ich jubele auch niemanden in den Himmel.
Wessen Stimmen fehlen deiner Meinung nach im Journalismus noch zu oft, und wie versuchst du, ihnen Raum zu geben?
Mir fallen vor allem Themen auf, die zu kurz kommen. Als Lokaljournalistin sind das für mich all die Dinge aus der unmittelbaren Nachbarschaft, die unter dem Radar der etablierten Medien liegen. Das Engagement von Vereinen und Initiativen etwa wird nicht ausreichend gewürdigt. Auch migrantische Themen tauchen selten auf – und wenn, dann meist, weil es ein Problem zu berichten gibt. Es fehlen positive Geschichten. Alles, was nicht sensationell genug ist und vermutlich wenig Klicks bringt, sucht man anderswo oft vergeblich. Ich habe das Privileg, nicht so stark auf Klicks achten zu müssen. Ich kann es mir leisten, über eine gute Initiative zu berichten, wenn ich das für richtig halte.
Was würdest du einer jungen Person sagen, die heute in den Journalismus einsteigen will – und was motiviert dich selbst, weiterzumachen?
Ich würde sagen: Mach es einfach! Sei neugierig, sei offen und lerne jeden Tag etwas dazu. Sei ein bisschen respektlos, aber freundlich – und bleib bei der Wahrheit. Fakten sind das, worauf unsere Demokratie ruht. Hüte dich vor dem eigenen Ego und arbeite sorgfältig. Geh raus, schau dir die Welt an und schreib darüber. Den einen Weg in den Journalismus gibt es nicht. Fang einfach irgendwo an – vielleicht ja beim Brunnenmagazin. ;)
Meine eigene Motivation ist schnell erklärt: Ich bin einfach Journalistin. Ich hatte schon viele Gelegenheiten, etwas ganz anderes zu machen, aber ich kann mir nicht vorstellen, keine Journalistin mehr zu sein. Entwicklungen beobachten, recherchieren, Themen auswählen, schreiben, Autorinnen und Autoren betreuen – das kann ich am besten. Für mich ist es jeden Tag aufs Neue der spannendste und schönste Beruf der Welt.