Die Geschichte der Migration aus der Türkei nach Deutschland dürfte beide Gesellschaften, die deutsche wie die türkische, tief geprägt haben. Die zwei Länder, seit dem Ersten Weltkrieg verbündet, haben Zerstörung und den Wiederaufbau ihrer Städte erlebt, Flucht vor Unterdrückung, Konflikten, Militärputschen und Katastrophen – und für diese Probleme gemeinsam nach Lösungen gesucht. In Deutschland, das heute für Millionen Menschen aus der Türkei zur zweiten Heimat geworden ist, fällt die Geschichte jedes einzelnen Migranten in eine weitere schwierige Phase der jüngeren Geschichte.
Die neue Welle
Auch meine Ankunft in Berlin fügte sich in diesen historischen Kreislauf. 2016 habe ich das Land verlassen. Sie erinnern sich: Nach einem gescheiterten Militärputschversuch gegen das Erdoğan-Regime begann eine Zeit, die Erdoğan selbst als „Geschenk Gottes“ bezeichnete. Der Ausnahmezustand wurde verhängt, Erdoğans Handlungsspielraum wuchs. Journalisten, Menschenrechtsverteidiger, zivilgesellschaftlich Engagierte, Akademiker, Politiker – kurz: Alle, die in der türkischen Gesellschaft etwas bewegten und für ein demokratischeres Land kämpften, gerieten unter Beschuss. Weil das Hunderttausende Menschen unmittelbar betraf, wurde der Putschversuch in seinen Folgen zum Ausgangspunkt einer Migrationsbewegung, die man die „neue Welle“ nennt.
Die Glücklicheren unter uns schafften es in andere Länder. Die große Mehrheit derer, die nicht ausreisen konnten, sitzt dagegen bis heute im Gefängnis oder lebt in großer Bedrängnis.
Zugleich löste diese neue Migrationswelle in Deutschland eine bemerkenswerte Wahrnehmung aus. Die deutschen Medien brachten uns mit Schlagzeilen wie „Die Köpfe der Türkei fliehen nach Deutschland“ auf die Titelseiten. Man zeigte Interesse und Anteilnahme. Es wurde diskutiert, was man mit diesen Neuankömmlingen anfangen könnte. Schließlich klopften diesmal nicht nur Arbeiter, Zahnärzte, Ingenieure und Pflegekräfte an die Tür.
Große Pläne von außen
Ich kam nach Berlin, um bei „Özgürüz“ („Wir sind frei“) mitzuarbeiten, einem oppositionellen Medienprojekt, das mein Kollege Can Dündar gründen wollte. Die Technik war schließlich auf unserer Seite: Über die sozialen Medien konnten wir die Menschen im Land erreichen. Während der Repression wollten wir von außen die Verbrechen des Regimes aufdecken, mit europäischen Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeiten und, sobald das Regime abgelöst wäre, unser Medienhaus ins Land zurückbringen. Unsere Ziele waren groß.
Tatsächlich starteten wir mit einem glanzvollen Auftakt und beachtlichen Zuschauerzahlen in den Kampf. Erdoğan grummelte in Richtung Kanzlerin Merkel: „Sie haben Vaterlandsverrätern die Arme geöffnet.“ Wir Journalisten wurden selbst zur Nachricht. Wir waren bester Laune.
So sehr, dass der renommierte Sender ARTE beschloss, eine Dokumentation über uns zu drehen und die „Braindrain – Journalisten im Exil“ näher kennenzulernen. Für die tagelangen Dreharbeiten begannen die Vorgespräche. Als ich mich mit dem ARTE-Team zusammensetzte, um meinen Teil zu besprechen, wäre es gelogen zu behaupten, ich hätte nicht den Stolz verspürt, selbst einer der „abgewanderten Köpfe“ zu sein.
Heiko oder Hayko?
Der Regisseur eröffnete das Gespräch mit einer interessanten Frage:
– „Sie heißen Heiko – sind Sie nicht Deutscher? Den Namen Heiko gibt es ja auch bei den Deutschen.“
– „Nein“, sagte ich. „Ich komme aus Istanbul. Ich bin Hayko.“
– „Ah, verstehe. Dann sind Sie also Türke?“
– „Nein, ich bin Armenier. Ich bin Christ“, sagte ich.
Inzwischen sage ich das mit Absicht. All die Jahre konnten wir in der Heimat nicht unbefangen sagen, dass wir Armenier sind – dann will ich hier wenigstens sagen dürfen: „Ich bin kein Türke“, Herrgott noch mal!
– „In Istanbul gibt es Christen?“, fragte er nun.
– „Mein Freund, wir haben die Stadt gegründet. Wir sind nicht von irgendwoher nach Istanbul gekommen – wir sind aus Istanbul weggegangen.“
Meinen Witz hat er nicht ganz verstanden. Wenn die Familie mütterlicherseits Rum ist – Istanbuler Griechen –, darf man sich schließlich auf das Oströmische Reich und auf Konstantinopel berufen.
Zurück nach Istanbul – für die Kamera
Der Regisseur ließ sich nicht beirren und schwärmte weiter von dem Projekt.
– „Hayko Bey, wir haben im Drehbuch eine großartige Entscheidung zu Ihnen getroffen. Keine Sorge, wir übernehmen sämtliche Kosten.“
– „Wunderbar“, sagte ich. „Einverstanden.“
– „Ihre Begeisterung ist auch wunderbar, Hayko Bey. Unser Plan sieht vor, die Dreharbeiten mit Ihnen in Istanbul zu beginnen. Wir filmen Ihren Alltag dort und den Abschied von Ihrer Familie. Dann begleiten wir Sie zum Flughafen bis zu Ihrer Ausreise, und bei Ihrer Ankunft in Berlin empfangen wir Sie mit den Kameras.“
Mensch, wollen die mich etwa an Erdoğan ausliefern? Habt ihr nicht einmal den Titel eurer eigenen Doku gelesen? „Journalisten im Exil“! Wie soll ich denn in die Heimat zurück? Ich habe mit knapper Not meine Haut gerettet!
Der Regisseur war sehr betrübt. Aber nicht etwa, weil ihm die Sache peinlich gewesen wäre – sondern weil sein Drehbuch in sich zusammenfiel. Ist das Drehbuch einer Dokumentation hier erst einmal von der Senderleitung abgesegnet, kommt jede nachträgliche Änderung einem Todesurteil gleich. Fast wie die ersten drei unabänderlichen Artikel der türkischen Verfassung. Das Projekt drohte zu platzen.
Ankunft mit leeren Koffern
Da kam mir eine Idee. Man muss den Kollegen ja helfen.
„In ein paar Tagen fahre ich mit dem Zug nach Bremen zu meiner älteren Schwester Jaklin. Bei meiner Rückkehr könnt ihr mich filmen. Wir tun einfach so, als käme ich aus der Türkei“, sagte ich.
Der Regisseur fiel mir vor Freude um den Hals. Ich hatte das Projekt wohl gerettet.
Und genau so machten wir es. Damit es glaubwürdig wirkte, nahm ich ein paar zusätzliche Koffer mit. Ich fuhr nach Bremen und blieb ein paar Tage. Dann geht es zurück. Der Zug nähert sich dem Berliner Hauptbahnhof. Das Team hat sein Set vor dem Waggon aufgebaut, aus dem ich aussteigen soll. Die Szene ist abgesprochen: Ich steige aus und gehe, ohne in die Kamera zu schauen, zur Rolltreppe.
Ich machte alles genau wie besprochen. Ohne in die Kamera zu schauen, zerrte ich die riesigen leeren Koffer hinter mir her bis zu dieser gewaltigen Rolltreppe. Ich fahre nach oben. Da ruft der Regisseur von hinten:
– „Hayko Bey, Hayko Bey! Jetzt schauen Sie ganz verwundert nach links und rechts!“
– „Warum?“
Na, weil ich endlich in Deutschland angekommen bin und Europa zu Gesicht bekomme – darum! Wir drehten also in Wahrheit „Vom Dorf in die große Stadt“!
Deutschland ist hart
Ohne angeben zu wollen: Ein paar Monate zuvor hatte ich in New York bei den Vereinten Nationen einen Vortrag über den Völkermord an den Armeniern gehalten.
Das Hochgefühl, zu den abgewanderten Köpfen zu gehören, sich besonders zu fühlen und Schlagzeilen zu machen, hält hierzulande offenbar nicht lange an. Deutschland ist eben doch hart. Für mich war es die härteste, aber auch lehrreichste Lektion, um die Migrantinnen und Migranten zu verstehen, die über Generationen hierhergekommen sind.
Die Doku ist schön geworden, aber …